Autor: Stephan Munsch

  • Demokratie ist …

    … wenn man’s trotzdem macht, so möchte man in Anlehnung an einen Spruch über Humor formulieren – nur, dass das Thema überhaupt nicht lustig ist.

    Fangen wir ganz langsam an …

    heutzutage wäre es völlig undenkbar, eine Straße nach einem überzeugten Nazi zu benennen … ? Falsch! Es gibt einige Straßen, die nach dem nassauischen Heimatdichter Rudolf Dietz benannt sind, der definitiv ein überzeugter Nationalsozialist war und der bereits in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zahlreiche antijüdische Gedichte veröffentlicht hat. Nun ist diese Information eigentlich nicht neu. Sie wurde aber lange verdrängt, bis sie vor wenigen Jahren doch wieder ans Licht der Öffentlichkeit gelangt ist. Wie geht man nun mit dieser Erkenntnis um?

    In Bad Camberg wurde wiederholt im Stadtparlament darüber diskutiert. Schließlich hat man sich mehrheitlich entschieden, die Straße nicht umzubenennen, sondern stattdessen eine Informationstafel anzubringen, die über den Dichter und den Aspekt seiner politischen Überzeugungen informiert.

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    Es wurde argumentiert, eine Umbenennung der Straße sei den Anwohnern nicht zuzumuten (was übrigens seinerzeit in der Verwaltungsreform keinen Politiker interessiert hat). Letztlich standen ‚die Grünen‘ mit ihrem Antrag allein. Zwei solche Anträge wurden zurückgewiesen, wobei beim zweiten Mal noch der Spruch aufkam, dass man in einer Demokratie irgendwann auch den Willen der Mehrheit endlich einmal akzeptieren und diese somit unsinnige Antragstellerei lassen solle. Außerdem brüstet man sich noch damit und münzt dieses Verhalten so um, als ob man mit einer solchen Maßnahme die Diskussion um die Vergangenheit wach halten würde. Dann wäre sicher auch eine ‚Leni-Riefenstahl-Gasse‘ kein Problem … nur warum benennt niemand eine Straße nach dieser Frau? Eben!!!

    Spätestens hier frage ich mich, wer das Wesen der Demokratie nicht verstanden hat. Jedenfalls kann ich den Angehörigen der lokalpolitischen Platzhirsche nicht attestieren, dass sie in dieser Hinsicht besonders entwickelt sind. Spätestens mit dem Hinweis auf die Themen im Bund, bei denen fast jedes Jahr immer wieder dieselben Säue durchs politische Deutschland getrieben werden, müsste man eigentlich nachdenklich werden. Man kann kein Thema endgültig verabschieden, sonst würde z.B. die ‚PKW-Maut‘ nicht immer wieder aufs Tapet gebracht (und das, obwohl sie bei Licht betrachtet nichts weiter als eine Stammtischparole und rechtlich gesehen zumindest fragwürdig ist). Insofern ist Demokratie die fortwährende Auseinandersetzung mit – sicherlich auch unbequemen – Dingen. Und wenn ein solcher Antrag jedes Jahr wieder eingebracht wird, dann ist das eben so! Auch das muss man aushalten, wenn man politisch tätig sein will!

     

  • SOFI

    … ist im allgemeinen ‚Abküfi‘-Sprachgebrauch das Wort für Sonnenfinsternis. Bei der Seltenheit solcher Ereignisse wundert es mich, dass der Name trotzdem unbedingt abgekürzt werden muss. Aber das liegt wohl im Trend der Zeit – das man sich für nichts wirklich Zeit nimmt.

    Trotz der aktuellen Hochdruckwetterlage haben hier in der Gegend nicht alle an diesem Ereignis teilhaben können, denn Nebel hat so Manchem die Sicht versperrt.

    Vielleicht war es also ein Glück, dass ich keinen Urlaub nehmen konnte und deshalb bei klarem Himmel in Frankfurt am Mainufer dieses Foto machen durfte …

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  • Die Rückkehr

    … der Kraniche konnten wir vorhin auf einem Spaziergang beobachten. Auch wenn es immer nur kleine Trupps sind, die im Frühjahr hier durchziehen – ab und zu hat man das Glück, einen Blick zu erhaschen.

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    Frühjahr? Ja, die Anzeichen mehren sich; die Natur erwacht wieder. Überall sieht man aufgeregte Vögel flattern und man hört sie anders rufen, als noch vor ein paar Wochen. Obwohl es erst Mitte Februar ist, scheint der Frühling nicht mehr fern zu sein. Das scheint man auch den Lämmchen anzusehen …

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  • Überfluss

    Was für ein Wort! Es klingt zunächst positiv, denn man kann ihm entnehmen, dass mehr vorhanden ist als gebraucht wird. Doch bedeutet dies nicht auch umgekehrt Verschwendung? Schließlich haben Überfluss und überflüssig ja dieselbe Herkunft!

    Habe ich Nahrung im Überfluss und kann diese nicht haltbar machen, führt das dazu, dass ein Teil meiner Vorräte verderben wird (oder ich fühle mich dazu genötigt, zu viel zu essen). Habe ich zu viel Kleidung, so wird dieses Zuviel alt und unmodern sein, bevor ich es überhaupt einsetzen kann, wobei ich mit dem Begriff ‚unmodern‘ auch gewisse Schwierigkeiten habe, da  dieser eine bewusste Abwertung beinhaltet.

    Viele andere Beispiele lassen sich anführen, aber allen ist gemeinsam, dass zu viel produziert wird und damit Ressourcen unnötig beansprucht werden. Deswegen ist ‚Überfluss‘ für mich ein Unwort, und ich muss gestehen, dass es Bereiche gibt, wo auch ich mir Gedanken um mein Verhalten zu machen habe. Zu viel billigen Krempel habe ich eingekauft, der seinem angedachten Zweck nicht wirklich gerecht werden kann und deshalb durch die Anschaffung von ‚etwas Richtigem‘ zu ersetzen ist. Werkzeuge sind ein gutes Beispiel dafür und auch der Hinweis darauf, dass man doppelt kauft, wenn man zunächst nur auf ‚billig‘ achtet.

    Abgesehen davon ist ‚Überfluss‘ oft auch gleichbedeutend mit schlechter Qualität, denn es werden (heutzutage ganz besonders) Waren von geringer Haltbarkeit in hohen Stückzahlen auf den Markt geworfen. Wir betreiben also Augenwischerei, wenn wir dieses große Angebot, die Überfülle von Marken, Modellen und Ausführungen als Errungenschaft ansehen.

    Warum sollten wir mehr haben als wir brauchen? Es reicht doch, wenn wir genauso viel haben, wie wir brauchen und schon dies ist ein Glück, das vielen Menschen nicht beschieden ist!

    Überlegte Vorratshaltung ist deswegen nicht falsch, aber das Horten einer Unmenge von Waren, nur weil man ja vielleicht einmal irgendwann etwas Bestimmtes brauchen könnte, ist fehlgeleitet.

    Eine bildliche Entsprechung des Begriffes ‚Überfluss‘ ist das Über-die-Ufer-treten von Wasser aus einem Fluss- oder Bachbett. Auch diese Art von ‚Überfluss‘ ist schädlich …

    Stitched Panorama

  • Leuna

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    Beim Abriss eines Gebäudetraktes in Frankfurt-Höchst ist eine besondere Erinnerung an die Geschichte des Chemie-Standorts Höchst sichtbar geworden: An der Brandmauer eines Hauses ist eine bislang verdeckte Werbung der I.G. Farben aufgetaucht. Deutlich erkennbar sind das I.G.-Signet und der Schriftzug „Leuna“.
    Leuna, die Stadt im Saalekreis im heutigen Sachsen-Anhalt, war einer der größten Standorte der I.G. Farben.

    Vieles schlummert unter der Oberfläche. Es ist verdeckt / versteckt und eine gefällige, neue Hülle macht glauben, dass auch die innere Substanz von gleicher Art sei. Gerade aber die Relikte aus alten Zeiten machen ein Gebäude möglicherweise zu etwas ganz Besonderem, und meiner Meinung nach tut es nicht gut, dies nach außen durch eine moderne, sterile Fassade zu kaschieren. Mich freut es immer, wenn ich einen ‚Anachronismus‘ finde, aus dem ich etwas über die alten Zeiten erfahren oder erahnen kann. Seien es die Isolatoren von längst schon verschwundenen Stromleitungen an der Hauswand, zugemauerte Tür-/Fensteröffnungen oder eine alte verblasste Werbung (z.B. für Becht’s Öl spezial ‚S‘ 😉 ).

    Auch beim Mensch ist es häufig so, dass nach außen hin verborgen werden soll, was dem Bild, das man von sich vermitteln will, widerspricht. Das gelingt aber nicht. Irgendetwas fehlt! Denn wer nach außen hin einen Teil seiner Wurzeln versteckt, signalisiert damit auch unbewusst einen inneren Zwiespalt und Unsicherheit – vielleicht nur ein Quäntchen, aber von einem sensiblen Gegenüber wahrnehmbar…
    Daher sollte man zu seiner Herkunft und zu seinen Eigenarten stehen, denn nur dann kann man authentisch sein. Jeder hat seine Macken und Fehler – an manchen davon kann (und sollte man) arbeiten, aber andere machen den Menschen (bei aller Exzentrizität) erst zu einem Individuum. Ecken und Kanten eben, an denen man sich reiben kann, die aber zuweilen auch durchaus liebenswert sind.

     

  • Stille Zeit

    Wenn man es schafft, die allgegenwärtige vorweihnachtliche Hektik ‚wegzusperren‘ und sich auf die Tristesse in der Natur einzulassen, so wird man etwas gewinnen, was einem sonst nur allzu leicht entgeht:

    Zeit zum Nachdenken, um zu sich finden und Entscheidungen zu treffen: Was ist wichtig? Wovon will ich mich trennen? Wo geht die meiste Zeit sinnlos verloren?

    Gar zu oft haben Menschen – und da will ich mich selbst nicht ausnehmen – Angst davor, allein zu sein oder unverplante Zeit vor sich liegen zu haben. Zeit … oder nennen wir es Muße … kann aber etwas außerordentlich Wertvolles sein, so man sie zu nutzen weiß. Denn den Gedanken ihren Lauf und die Zeit ‚wegtröpfeln‘ zu lassen ist etwas, das man erst auszuhalten lernen muss. Auch dazu braucht es Zeit, die sich heutzutage viele Menschen nicht mehr nehmen. Wer aber nicht über sich und seinen Kurs im Leben ab und zu reflektiert, gerät in Gefahr, ziellos von einer Zerstreuung zur nächsten zu treiben…

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    Ein Geheimnis sei an dieser Stelle schon verraten: es ist nicht die Zeit der Untätigkeit, die als ’sinnlos verloren‘ zu bewerten sei … sinnlos ist die Zeit, die man totschlägt …

     

  • Essig

    …wurde in Bad Camberg vor vielen Jahren hergestellt. Der Fabrikant war Gisbert Send, der auch Mineralwasserhändler und Brunnenbesitzer war. Nun ist das große Anwesen in der Nähe des Camberger Bahnhofs verlassen, und die schönen Backsteinbauten verfallen nach und nach. Es war überlegt worden, ob man nicht das Ensemble zu einer Art ‚Kulturwerkstatt‘ umfunktionieren könnte, aber das ist an dem ewig klammen Stadtsäckel und der ‚Offenheit‘ der alteingesessenen Lokalpolitiker für solche Projekte gescheitert. Fairerweise muss man zugeben, dass solche Ansinnen zur Zeit wohl in den meisten Kommunen nicht realisierbar sein dürften.

    Nun ist die Baugruppe weiterhin dem Verfall preisgegeben, und sie wird sicher in einigen Jahren einen Käufer finden, der aus dem Areal irgend etwas macht, was Geld bringt – vorzugsweise Wohneinheiten, wie ich vermute. Bis dahin zeugt der alte Türgriff am Wohnhaus von einem gewissen Wohlstand der frühen Jahre …

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  • Eigentlich ganz nett …

    … sieht mein Heimatort aus der Ferne aus auf diesem Bild, das von der Nähe der Autobahnauffahrt Bad Camberg aufgenommen wurde.

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    Vier Hauptverkehrswege müssen die Einwohner (je nach Lage im Ort unterschiedlich stark) aushalten: Autobahn, Schnellbahn, Eisenbahn, Bundesstraße. Dabei sind die Flugzeuge noch gar nicht mitgerechnet. Nun kommt die Umgehung, für die viele Jahre gekämpft wurde. Jubel!!! Wirklich??? Nein, denn für Würges wird letztlich kein einziger der seinerzeit gedachten Vorteile dabei herauskommen. Die Umgehung hilft nur der Kernstadt und entlastet zudem die chronisch hoch belastete Autobahn. Es ist ein Jammer und beschämend für all jene, die über Jahrzehnte an der Planung herumgedoktert haben. Der Verkehr und damit die Lärmbelastung wird ansteigen. Das ist nicht mehr zu vermeiden. Ob sich ein paar Lärmschutzmaßnahmen noch den Behörden abtrotzen lassen, steht in den Sternen…

    Vor diesem Hintergrund kann ich nur konstatieren, dass man sich als Bürger von Würges jeglichen Versuch, etwas zu erreichen, schenken kann. Schade dass der Mensch letztlich nur ‚Stimmenvieh‘ ist. Sonst hätte ich eine Idee, wie man wenigstens etwas in Bewegung setzen könnte. Andererseits wird sich in wenigen Jahrzehnten das Problem ohnehin von selbst erledigen. Es wird eine Zeit geben, wo der Individualverkehr wieder ‚auf kleiner Flamme köcheln‘ wird. Erst dann wird unser Dorf wieder etwas mehr Ruhe haben …

  • Bäumchen stellen

    … nennt man eigentlich den Brauch, in einem Jahrgang zur Geburt eines Kindes zu gratulieren. Es gibt aber noch einen anderen Baum, der von einer Gruppe junger Leute im Oktober gestellt wird … den Kerbebaum!

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    Auch dieses Jahr wollte ich gerne seine Aufstellung fotografieren, aber es hat wohl allerlei Probleme gegeben. Zuerst kam die Truppe nicht voran, dann fing man an mit Metallgestängen herumzuknorzen und letztlich wollte man noch einen Traktor hinzuziehen, weil der Baum wohl doch etwas zu groß ausgefallen sei. Ich konnte es so lange nicht aushalten. Etwas von einer Erkältung mitgenommen merkte ich, dass von ‚fieberfrei‘ wohl doch noch nicht die Rede sein konnte und ich zog mich nach hause zurück.

    Die Schwierigkeiten bei der Aufstellung scheinen mir dieses Jahr symbolisch zu sein. Erstmals hat sich kein Geburtsjahrgang zum Ausrichten der Kerb bereitfinden können und es musste eine Interessengruppe herhalten. Kerb scheint uncool zu sein, vermutlich weil man während der paar Tage nicht ständig sein Smartphone in einer Hand halten kann. Außerdem muss man als Kerbegruppe/-jahrgang etwas auf die Beine stellen, organisieren und im Bereich der Veranstaltungen vielleicht auch etwas riskieren. Schließlich müssen nicht alle ‚Events‘ auch zwingend profitabel ablaufen. Alles Dinge, denen ein Großteil der jungen Menschen als Digital-Autisten und Internet-Bürger sich wohl  nicht mehr stellen will…

    Ich begrüße es, dass sich Menschen bereitfinden, eine nunmehr 175-jährige Tradition weiterzuführen und hoffe, nach anfänglichen Startschwierigkeiten klappt es in den kommenden Jahren auch wieder. Es gibt in unserem sogenannten Gemeinwesen viele Baustellen. Zu wenig Leute fühlen sich solidarisch, Kleinkrämerei scheint sich durchzusetzen. Hoffen wir, dass diese Probleme überwunden werden können. Es kommen auch wieder andere Zeiten, in denen wir möglicherweise eine Dorfgemeinschaft wieder gut brauchen können.

     

  • Kostbarkeit

    Nicht jede Perlenkette ist teuer, und manchmal sind die ganz besonderen Perlen nicht aus Perlmutt, sondern aus ganz gewöhnlichem Wasser …

    Wir legen zu oft Wert auf die falschen Dinge, und meist macht sich die Wertschätzung am finanziellen Aspekt fest. Die Kunstwerke und Kostbarkeiten der Natur sind so unendlich feiner und wunderbarer als alles, was die Menschen schaffen können.

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