Stolpersteine

DSCF1337_STOLPERSTEINE_KAHN_KLEIN

… nennt man die Messingtafeln, die vor den Häusern in den Bürgersteig eingelassen werden, wo jüdische Mitbürger gewohnt haben, die in der Zeit des dritten Reiches deportiert (und in den Konzentrationslagern ermordet) wurden. In meinem Heimatort war es heute soweit, und die Stolpersteine wurden verlegt!
Doch es war ein langer Weg bis dorthin, der keineswegs geradlinig verlief. Natürlich kann es sich in der heutigen Zeit keine politische Kraft leisten, offen gegen eine solche Initiative zu sein. Deshalb waren prinzipiell auch alle Fraktionen dafür, das den Juden in unserer Gemeinde angetane Unrecht nicht unter den Teppich zu kehren. Wie aber diese Würdigung / Dokumentation aussehen sollte, das war sehr umstritten.

So konnte man als Zaungast der ersten Versammlungen ein Lehrstück zu dem Thema erleben, wie Politik im Kleinen ‚funktioniert‘. Für mich stellte es sich so dar, als ob teilweise mit einer gewissen Subversivität versucht wurde, die nach außen dargestellte Zustimmung durch Komplikationen in der Ausführung zu verwässern, bis die Aktion vielleicht sogar im Sande verliefe. Nachdem ich erlebt hatte, wie das Mitglied einer Fraktion (ich nenne keine Namen, aber es ist definitiv nicht die kleinste politische Kraft hier, eher im Gegenteil) schon vor der Versammlung den später von ihm offiziell vorgetragenen Spruch dreimal seinen Kollegen vor’posaunt‘ hatte, gab ich mich ob der Eingefahrenheit von Standpunkten keinen Illusionen mehr hin.
Kurz und (weniger) gut: es gab allerlei Winkelzüge … von dem Gedanken, statt der Stolpersteine an einem einzigen Ort ein Schild mit einem Infotext zu installieren (da muss es wenigstens keiner sehen, der nicht explizit dorthin geht) bis zu der Verpflichtung, dass jeder Besitzer / Bewohner eines durch Stolperstein(e) markierten Hauses unbedingt seine Zustimmung geben müsse, war so ziemlich alles dabei. Dass es letztlich doch funktioniert hat, ist sicher der unentwegten Tätigkeit der Initiativgruppe zuzuschreiben.
Ich finde es paradox, wie sehr man den vermuteten Befindlichkeiten der heutigen Bewohner dieser Häuser Rechnung tragen wollte und dabei in Kauf genommen hätte, dass das Leid der damaligen jüdischen Mitbürger wie üblich unter den Teppich gekehrt werden sollte. Kann sich irgend jemand vorstellen, was in diesen Menschen vorgegangen sein muss, als sie nach Jahren der Ausgrenzung unter für sich immer ungünstiger werdenden äußeren Bedingungen plötzlich abgeholt wurden ins Ungewisse – von dem sie vielleicht schon ahnten, was es sein würde … und sie nie gedacht hatten, dass es soweit kommen würde? Viele hätten früher weggehen können, aber sie hingen halt an der Heimat – und wer kann es ihnen verdenken? Die Geschichte des Paares Adolf und Dora Kahn, deren Steine ich hier zeige, ist in einem Punkt besonders tragisch, weil ihr Wunsch, zu den bereits in Amerika lebenden Kindern auszuwandern, durch bürokratische / gesetzliche Hemmnisse so lange verzögert wurde, bis es zu spät war. Bis zuletzt hatten sie gehofft, die Ausreisepapiere noch zu bekommen …

Ich finde es gut, dass es jetzt endlich geklappt hat mit den Stolpersteinen, und dass sie nicht der (leider) allgegenwärtigen Engstirnigkeit zum Opfer gefallen sind!